(Sinnliches) Bewusst – sein


An einem Abend hatte sie sich, zum ersten Mal nach zwanzig Jahren, nackt im Spiegel betrachtet und keinerlei negative Gedanken gingen durch ihren Kopf.
Sie blickte einfach in den Spiegel und war zufrieden.

Nicht, weil sich an ihrem Aussehen etwas verändert hatte… sondern in ihr. Aber diese Erkenntnis würde erst später kommen…

Sie schlief nackt und beschloss am kommenden Morgen, es zu bleiben.
Nackt geschlafen, hatte sie früher schon selten. Aber Tage nackt zu verbringen? Sie konnte sich nicht erinnern, das je getan zu haben, genoss es aber für den Moment. Immer begleitet von dem Gedanken, es ja jederzeit beenden zu können.

Der Tag war zu einem nicht geringen Teil geprägt von Lust und Leidenschaft.
Im Nachgang bemerkte sie, dass sie auch hier freier in ihrem Kopf gewesen war.

Als sie abends geduscht hatte, schob sie den Duschvorhang wie immer beiseite… blickte jedoch bewusst in den Spiegel.
Wieder schwiegen die Stimmen, die sie so viele Jahre gequält hatten, sich in ihre Gedanken gefressen hatten.
Sie stieg aus der Dusche , betrachtete einen Wassertropfen, der langsam von oben über ihre Brust lief  und bemerkte wieder dieses Gefühl.
Dieses mit sich zufrieden sein, das sie so lange vermisst hatte.
Sie wickelte sich kurz in ihr Handtuch, beschloss dann aber, sich an der Luft zu trocknen zu lassen und nahm das Handtuch wieder ab, wuschelte kurz durch ihre Haare und beschloss, diesen Tag ohne Kleidung zu vollenden.

Vor einigen Tagen hatte sie schon festgestellt, dass sie einen Teil ihrer Vergangenheit los gelassen hatte..
Wenige Tage darauf, lag sie nachts eine Weile wach, konnte nicht wieder einschlafen. Die Gedanken rasten wie Hochgeschwindigkeitszüge durch ihren Kopf… Arbeit, Vergangenheit,…und auf einmal der Gedanke
„Ihr habt keinen Platz mehr hier. Ich vergebe Euch und lasse Euch los.“
Verwundert über diesen Gedanken schlief sie bald darauf ein.
Der Gedanke war so selbstverständlich aufgetaucht. Unerwartet, aber befreiend.
Eine sprichwörtliche Last… abgeworfen.

Am Tag nach jener seltsamen Nacht hatte sie beschlossen, wieder mehr für ihr Wohlbefinden zu tun. Einen Ausgleich für ihre Arbeit wieder aufnehmen zu wollen…Yoga: auspowern, bei gleichzeitiger Entspannung.
Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte. Auch dort bemerkte sie, dass ihr egal war, ob und wie andere sie vielleicht angucken könnten. Weil es keine Rolle spielte.
Sechs Jahre zuvor hatte sie beschlossen „sich jetzt so zu lassen und das mindestens okay zu finden“
Jetzt war sie diesem Ziel näher, als je zuvor.

Lächelnd beendete sie diese Zeilen…

Hinterlasse einen Kommentar